5 Milliarden Aufenthaltsorte pro Tag

Wer „nichts zu verbergen hat„, wird diese Meldung mit einem Achzelzucken zur Kenntnis nehmen. Doch auch ich als einer, der hier bereits mehrfach „Steht auf!“ und „Erzürnt euch!“ gerufen hat, merkt, wie er langsam abstumpft. Ich bin sicher: Wäre die Meldung, die die Washington Post gestern in Berufung auf neue Snowdendokumente veröffentlicht hat, das einzige, was wir NSA & Co. wüssten, würde ich diesen Blog erneut eröffnen. Doch ich bin schon auf den Barrikaden, ziemlich weit oben sogar. Und offenbar kann ich von hier viel schlechter erkennen, dass das Fass, aus dem jeden Tag kleine oder größere Details zu den Machenschaften der Geheimdienste quellen, der keinen Boden hat.

Die NSA verfolgt jeden Tag weltweit 5 Mrd. Ortsangaben von Handys, schreibt die Zeitung. Der Dienst sammelt die Verbindungsdaten, die ein Mobilfunkmast aufnimmt, wenn sich ein Handy bei ihm an- oder abmeldet. Das geschieht mehrmals pro Minute, wenn der Handybesitzer unterwegs ist. Der Geheimdienst kann daraus Bewegungsprofile ablesen, weiß also, wenn ich betroffen bin, wo ich war und wo ich bin. GPS (oder die „Standortdienste“, wie sie bei Apple heißen) kann dabei im Handy an- oder auch abgeschaltet sein, das spielt für diese Art der Ortung keine Rolle.

Klar – mein Mobilfunkprovider hat diese Daten auch, und das, was er speichert, ist wirklich gruselig, wie der Grünenpolitiker Malte Spitz erfahren musste. Dass auch Apple und Google die Orte, an denen sich Iphone- oder Androidnutzer aufhalten, speichern, verwundert mich auch nicht. Immerhin bedeuten Informationen für die Firmen bares Geld: Wer weiß, wo ich gerne einkaufe, kann mir tolle Angebote machen. Davon abgesehen, dass ich bei Android zumindest regulieren kann, welche App meine Ortsdaten sieht, gibt es aber einen gewaltigen Unterschied zwischen Mobilfunkanbietern, Internetdienstleistern und der NSA: Ich habe erstere beauftragt. Meinen Mobilfunkvertrag habe ich selbst unterschrieben, mein Handy mit Bedacht angeschafft, meine Apps absichtlich installiert. Was das bedeutet, steht jeweils im Kleingedruckten (bzw. in den App-Berechtigungen). Die NSA hingegen hat von mir keine Legitimation auch nur meinen Wohnort zu erfahren – geschweigedenn ein Bewegungsprofil zu erstellen! Noch schlimmer: Ich als Handynutzer weiß (bis jetzt) nichts davon, dass ich seit Jahren um meine informationelle Selbstbestimmung betrogen werde.

Ich bebe vor Wut auf meiner Barrikade und überlege, sie noch höher zu bauen.