Der Terror, die Daten und die Freiheit


Wir leben in einer Zeit der Verunsicherung. Vor zwei Wochen hat der Terror Paris heimgesucht und 130 Menschen das Leben gekostet. Ein Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden in Hannover in der Folgewoche wurde wegen vermuteter Anschlagspläne abgesagt. Wie viele Menschen in Europa beginne ich zu realisieren, dass ich mit der Angst, selbst in einen Anschlag verwickelt zu werden und dort mein Leben oder geliebte Menschen zu verlieren, leben lernen muss.

In Gesprächen mit meiner Frau, einem Freund und mehreren Kollegen kam in den letzten Tagen immer wieder die Frage auf, wie weitere Terroranschläge in Europa verhindert werden könnten. Eine meiner Antworten war – und davon bin ich auch jetzt noch überzeugt, weil ich deren Macht einschätzen zu können glaube: Durch Daten. Konkret: durch die Auswertung von allen Daten, die die Ermittler kriegen können, um einen Attentäter zu identifizieren und zu finden. Email-Inhalte, Standorte, aus den Daten ablesbare Nutzungsgewohnheiten – all das, was ich in diesem Blog als Heilige Kühe verehre, soll für die Terrorabwehr eingesetzt werden.
Ich habe gestockt, als ich das zum ersten Mal ausgesprochen habe. Datensammlung gegen den Terror? Ja, das muss möglich und erlaubt sein, um verdächtige Personen zu beobachten und, wenn die Ermittler genügend Daten haben und daraus die richtigen Schlüsse ziehen (Achtung: Der Mensch ist mehr als die Informationen über ihn!), Attentate zu verhindern.

Seitens meiner Gesprächspartner wurden sie nicht genannt, dennoch gibt es mindestens drei Einwände, die gegen meine These  erhoben werden können:

1) Dann befürwortest du die Methoden der NSA.

Das ist falsch. Der in anderen Kontexten durchaus angebrachte Big Brother-Vergleich geht hier ins Leere. Denn der gravierende Unterschied zwischen dieser (aus meiner Sicht legitimen) Datennutzung und der, den NSA und GCHQ praktizieren (in gewissem Maße auch der, die die Vorratsdatenspeicherung ermöglicht), ist, dass es einen Anlass für die darauf folgende Überwachung gibt.
Im besten Fall den von einem unabhängigen Gericht verfügten.
Erst Anlass, dann Überwachung Einzelner – so muss die Reihenfolge sein, und nicht: Überwachung aller, um dann bei Einzelnen einen Anlass zu finden, der die Datensammlung rechtfertigt.
Weil die Datensammlung nur im Verdachtsfall und im richterlich kontrollierten Maße zulässig ist, stehe ich zu meinem in diesem Blog manifestierten Protest gegen NSA, GHCQ und deren Helfer. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die persönlichen Daten von Internetnutzern nur ihnen gehören und zunächst einmal niemand sonst sie haben darf. Ich ermuntere weiterhin alle Menschen ihre Daten so gut wie möglich zu schützen, durch VPNs, durch verschlüsselte Mails und Messenger, durch manipulierte App-Berechtigungen und gefakete Standorte, und es den Datensammlern dadurch so schwer wie möglich zu machen.

Und wenn die Terroristen ihre Daten auch so schützen?
Diese Frage unbeantwortet zu lassen wäre unredlich. Vielleicht klingt meine Antwort auf den ersten Blick grausam: Wenn Terroristen ihre Daten ebenso schützen wie ich das als freier Bürger tue, dann ist das ihr gutes Recht! Ich gebe zu, dass es bitter ist, denen freiheitliche Rechte zuzugestehen, die unsere Rechte auf Selbstbestimmung (Konzertbesuche, Restaurantterassen…) nicht achten.

Doch denken wir weiter in diese Richtung und stellen uns, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl, einen digital unsichtbaren Terroristen vor. Noch gibt es keinen (mir) bekannten Fall, bei dem dies zu einem Anschlag geführt hat. Aber selbst wenn durch Datenschutz, Datensparsamkeit und Datenhygiene eines Terroristen ein großer Anschlag nicht erkannt wird, vielleicht sogar Menschen sterben: Ist das ein Grund, dass wir den Schutz unserer Daten aufzugeben? Ist es eine Frage der Humanität, der Verantwortung seinen Mitmenschen gegenüber, all seine Daten ungefiltert ins Netz zu geben? Muss Verschlüsselung vielleicht sogar verboten werden, wie das in Großbritannien überlegt wird?

2. Nur die NSA-Datensammlung verhindert Terror.

Vielleicht. Es ist richtig, dass über Jahre anlasslos angehäufte Datenprofile aus der Nutzung von Internet, Apps und Telefon (NSA + Co.) für eine Auswertung viel wertvoller sind als die, die erst im Verdachtsfall erstellt und ausgewertet werden. Doch muss bis zu einem Verdacht nicht auch für auch für spätere Terroristen die Unschuldsvermutung gelten. Gilt in unseren Demokratien nicht jeder als frei, bis er seine Freiheit durch eigenes Verschulden verspielt?

Die Integrität von Personen spiegelt sich auch in der Macht über ihre persönlichen Daten wieder. Das ist Freiheit. Und die dürfen wir nicht zugunsten eines größeren Sicherheitsgefühls aufgeben. Ich halte mich mit Zitaten von Verstorbenen meist zurück, weil sie nur sehr selten dem nahe kommen, was der Autor sagen wollte. Hier mache ich eine Ausnahme und zitiere Benjamin Franklin:
Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.

3. Deine These setzt ein Vertrauen in die Ermittler voraus.

Das ist richtig. Wenn das Recht auf Privatsphäreschutz im Verdachtsfall beschnitten werden darf, muss ich denen, die das verantworten, vertrauen. Ich muss dem Verfassungsschutz, dem BKA, dem LKA und den Polizeiermittlern vertrauen, dass sie tatsächlich erst dann Daten sammeln, wenn ein Richter die Erlaubnis dazu erteilt – in dessen Amt ich freilich auch Vertrauen haben muss. Ich muss mich darauf verlassen, dass sie mit den Daten verantwortlich umgehen und nicht etwa mit dem Verdächtigen in Verbindung stehende Personen gleich mit überwachen.
Anders gesagt: Sie müssen die Grenzen der Maßnahme kennen.
Wer die Grundrechte einzelner zum Schutz der Rechte vieler beschneidet, muss verantwortungsvoll handeln. Ich hoffe, den Leuten, die in solchen Fällen ermitteln, ist der schmale Grat bewusst, auf dem sie wandeln. Ich persönlich habe einen hohen Respekt vor allen, die in Polizei und Justiz für die Einhaltung unserer Werte stehen.
Natürlich – Viele Menschen, Organisationen und Szenen misstrauen der so genannten „Staatsgewalt“. Und das ist nicht  nur deren freiheitliches Recht, sondern kritische Instanzen sind sogar elementar für die Robustheit unseres Wertesystems.

Doch ein Grundvertrauen in Politik, Polizei, Justiz und Staatsschutzbehörden ist in der gesamten Diskussion um den digitalen Privatsphäreschutz elementar. Wenn ich niemandem vertraue, weder der Regierung, noch den Parteien, Behörden, Richtern und Polizisten, wird der Schutz der Privatsphäre zur Paranoia. Dann schütze ich mich nicht, weil ich meine Freiheitsrechte gegen Rechtsbrecher verteidige, sondern verschlüssele und verschleiere auf Deubel komm raus, weil mir alles außerhalb meines Notebooks, meines Telefons und Handies feindlich erscheint. Ich empfehle jedem, mit seinen Daten sparsam und verantwortlich umzugehen – das heißt aber nicht, sie um ihrer selbst Willen schützen zu müssen.
Vertrauen kann man nicht verordnen. Doch wer die Rechtsstaatlichkeit in unserem und vielen anderen westlichen Ländern grundsätzlich ablehnt, möge sich das Gesellschaftsideal der Terroristen von Paris ansehen und es als mögliche Alternative für sich prüfen. Ich hoffe, das eröffnet einen demütigen, vielleicht sogar dankbaren Blick auf unseren Teil der Welt. Hier dürfen wir die Gesetzgeber und -durchsetzer kritisieren und kontrollieren. Im Kampf um unsere Rechte – ein terrorfreies Leben in Selbstbestimmtheit, Freiheit und Frieden – sind wir aber nicht allein.

Apple bekennt sich zum Privatsphäreschutz

Respekt, Apple! Die Firma hat sich deutlich zum Schutz der personengebundenen Daten der Applenutzer bekannt. Auf einer neuen Internetseite erläutert die Firma detailliert, welche Dienste verschlüsselt sind und warum sie sicher sind. Keine Frage: Apple betreibt, nach allem was man weiß, kein Geschäft mit Daten, sondern mit Hard- und Software. Ganz anders als Google oder Facebook. Die bieten dafür kostenfreie Dienste, während Apple für seine schön designten Geräte einen Haufen Geld verlangt. Wenn die Daten also dem Kunden zustehen – warum sie nicht nach Kräften schützen?

Weil Kräfte nicht genügen. Apple ermöglicht in seinen Geräten nur wenige Einstellungsmöglichkeiten für den Datenschutz. So lässt sich bei Iphones oder Ipads z. B. der Zugriff von Apps auf die Kamera oder den Standort deaktivieren. Die Weitergabe der IMEI (der eindeutigen Kennung eines Smartphones und damit einem wichtigen Bestandteil von Überwachungsalgorhitmen) sowie der Zugriff von installierten Apps auf die SMS-Funktion, das NFC-Modul oder die Sensoren des Handies lassen sich jedoch nicht regeln. Apple scheint sich sich auf seine eigenen Schutzmechanismen zu verlassen, nicht jedoch auf den Nutzer, der selbst festlegen möchte, welche Daten in seinen Augen schützenswert sind.

Zudem waren waren Apples Schutzmechanismen leider bislang auch nicht so sicher, dass die Selbstsicherheit des Konzerns gerechtfertigt wäre: Erst vor einer Woche wurden manipulierte Anwendungen in den Appstore hochgeladen, und 2014 wurden hunderttausende Nackfotos von den Icloud-Servern geklaut.Nicht zuletzt behält sich das Unternehmen den Zugriff auf das Gerät vor. Dieser Umstand könnte die NSA, die auch Apple-Server als Quelle für ihre Überwachung nutzt, natürlich nutzen.
Apple-Geräte als Paradies für sensible Daten? Leider nicht.

Whatsapp, du hast gewonnen.

whatsapp_communityIch gebe auf. Genau 15 Monate nach Deinstallation der App bin ich seit gestern wieder Mitglied bei dem Chatdienst. Meine Mitgliedschaft steht unter Protest, da die meisten der von mir und anderen angeprangerten Privatsphäre- und Sicherheitsbedenken noch immer bestehen.

Die Installation gestern abend fühlte sich für mich wie eine Kapitulationserklärung an. Ich hoffe aber, mich als konsequent bezeichnen zu können, wenn ich mit meiner Rückkehr dem Grundgedanken dieses Blogs folge: nämlich trotz aller informationellen Selbstbestimmung nicht auf Komfort verzichten zu wollen (und zu zeigen, dass es geht).
Auf Whatsapp zu verzichten, das habe ich in den vergangenen Monaten häufig ge- und bemerkt, ist mehr als Komfortverlust: Es ist ein Verzicht auf Zugehörigkeit, zumindest auf gefühlte Zugehörigkeit. Von der Geburt des Sohnes von Bekannten habe ich gestern nur aus zweiter Hand erfahren, weil ich in der Freundesgruppe kein Mitglied bin. Das ist sicherlich der Hauptgrund, warum ich wieder „an Bord“ bin. Drei weitere Gründe sind:

  • Whatsapp scheint nun endlich auch Iphone- und Gruppenkonversationen zu verschlüsseln. „Scheint“, weil der Appcode darauf hindeutet, aber das Unternehmen diese Funktion noch nicht bestätigt hat.
  • Ich habe die Berechtigungen zum Datenzugriff, die Whatsapp gerne hätte, dank der Android-App Xprivacy auf ein Minimum reduziert. Weder erhält die App Zugriff auf die IMEI-Nummer meines Smartphones, noch auf mein Adressbuch, noch auf mein Google- oder Facebook-Konto, und meinen Standort verrate ich ihr auch nicht. Sollte die App die Daten anfragen, gibt Xprivacy einfach zufällig generierte Daten aus. Die Christmas Islands sollen ein perfektes Klima zum Chatten bieten, hab ich gehört.
  • Ich nutze Whatsapp unter einer anderen Handynummer, als ich zum Telefonieren / Simsen nutze – allerdings auf demselben Handy. Vor der Installation habe ich in das Gerät einfach eine alte, aber noch aktivierte Simkarte eingelegt. Diese Nummer ist bei Whatsapp, im Internet und den wahrscheinlich noch immer mitlesenden Geheimdiensten unbekannt, weil ich sie nie aktiv genutzt habe. Deshlab kann sie nicht so leicht mit meinen anderen Spuren im Internet verknüpft werden, was – siehe Xkeyscore – die Spitze allen Überwachungsübels ist. Bei Nutzung meiner „normalen“ Handynummer würde mein (trotz aller Bemühungen sicherlich nicht kleines) digitales Schattenprofil um einen wertvollen Anknüpfungspunkt reicher. Da Whatsapp und die staatlichen Kontrolleure aber nicht einmal die neue Handynummer mit der Geräte-ID des Handys verknüpfen können, ist Big Brother auf zumindest einem Auge blind.
    Und noch aus einem weiteren Grund trägt die eigene „Whatsapp-Telefonnummer“ zur Datenhygiene bei: Sie schützt mich vor ungewollten Kontaktaufnahmen, denn nicht jeder, der meine Handynummer kennt, kann mich über Whatsapp kontaktieren.

Zuguterletzt werde ich, und so empfehle ich es jedem Produzenten digitaler Daten, bei jeder Chatmitteilung überlegen, ob sie sensible Informationen enthält oder Informationen, die kombiniert mit anderen Informationen über mich – vielleicht erst in Zukunft – sensibel sein könnten. Ich hoffe, diese selbst errichtete Schikane schützt mich davor, dass die Waage zwischen Komfort und Privatsphäreschutz durch meine Entscheidung nicht zu sehr ins Ungleichgewicht gerät.