Wo .COM dransteht, ist kein Deutschland drin, oder, BND?

Stefan Funke, CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)

Das Bundesverwaltungsgericht hält das Abgreifen von Mails nichtdeutscher Personen beim größten Internet-Knoten der Welt, dem DE-CIX in Frankfurt, durch den BND für legitim. Der BND kopiert dabei den gesamten durchgeleiteten Internetverkehrbis zu 6 Terabit pro Sekunde (bis zu 750 Gigabyte!). Der Deutsche Welle-Redakteur Marcel Fürstenau macht in seinem Kommentar auf die Absurdität aufmerksam, die Nationalität eines E-Mail-Absenders an ebendieser erkennen zu wollen.

Dass sich gelegentlich auch Ihre oder meine Daten unter angezapften Leitungen befinden, ist schon aus statistischen Gründen sehr wahrscheinlich. Schließlich saugen Geheimdienste permanent Millionen von Kommunikationsverbindungen ab. Sie tun das mit konkreten Suchbegriffen, sogenannten Selektoren. Dabei sollen und dürfen aber nur Ausländer überwacht werden. Das aber lässt sich beim besten Willen nun einmal nicht gewährleisten. Niemand weiß im Zweifelsfall, wer sich hinter einem Mail-Account wie „@gmail.com“ verbirgt. Auch der Deutsche Welle-Account endet mit „com“. Kurzum: Wer behauptet, die Staatsangehörigkeit eines Mail-Absenders oder am Telefon Englisch sprechenden Menschen zweifelsfrei zu kennen, macht sich lächerlich.

Die Betreiber des DE-Cix wollen nun nach Karlsruhe ziehen.
Und ich frage mich, ob mein Auskunftsrecht im Rahmen der EU-DSGVO nicht auch für den Geheimdienst gilt. Ich mache mich mal schlau.

Sein Denkmal bröckelt

Snowden – ein gefallener Held?
Für mich zumindest war der NSA-Whistleblower die einzige lebende Person, auf den ich diesen Begriff unter Umständen angewendet hätte. Helden tun Gutes in der Welt, auch wenn sie selbst dafür zahlen müssen. Das hat Snowden getan, indem er die anlasslose Massenüberwachung der NSA und ihrer britischen Geheimdienstschwester offengelegt hat. Deshalb wird er wohl nie mehr in sein Heimatland zurückkehren können.
Doch nun hat er „Haven“ mitentwickelt (Promovideo hier). Diese kostenlose App soll dem Schutz der Nutzer dienen, indem sie die Umgebung überwacht. Gedacht zum Beispiel für die Überwachung eines Hotelsafes. Man lege das Haven-Handy mit in den Safe, und sobald ein Gauner den Safe öffnet, meldet sich das Gerät unbemerkt beim Besitzer (natürlich auf einem weiteren Handy) und schickt gleich noch Beweisfotos mit.

Zuerst dachte ich, dass sei ein PR-Coup von Snowden. Ich dachte, er wolle darauf aufmerksam machen, wie viele Sensoren in Smartphones verbaut sind. Dass wir bitte keiner App trauen sollten. Dass wir bitte vor Installation immer die App-Berechtigungen prüfen sollten. Das wäre ja mal ein crazy Stunt gewesen!
Ist es aber nicht. Drei Wochen nach dem Start der App gibt’s immer noch keine Auflösung. Keinen Rückruf. Kein Entwickler, der den Haven-Code gelesen hat, hat gemeldet, dass die App in Wirklichkeit gar nichts macht. Nein, die App von Edward Snowden, des Mahners vor der anlasslosen Überwachung, tut das, was sie soll: anlasslos überwachen.

Ich glaube, der gute Edward hat da ein Eigentor geschossen. Seine Argumentation, man könne nicht so leicht entführt werden, weil das Handy ja alles beobachte, kann zumindest ich nur mit Gedankenverrenkungen nachvollziehen (aber ich bin nicht allein). Wie die App Menschenrechtsaktivisten konkret helfen soll, auch nur mit Mühe. Dass in vielen Ländern die Überwachung öffentlicher Räume durch Privatleute verboten ist, die App also beispielsweise in Deutschland nur in Privaträumen eingesetzt werden darf, müsste Snowden wissen (heise.de weiß es zumindest).
Braucht die Welt also wirklich diese App?
Bislang waren Snowdens Aussagen stringent: Privatsphäre grundsätzlich gut, Überwachung grundsätzlich schlecht. Warum geht der Whistleblower das Risiko ein, dass seine Fans und auch die Medien die Motive für „Haven“ nicht- oder missverstehen?

Vielleicht, um Sascha Lobo zu stärken, der ein Smartphone im Blick auf die Überwachungsmöglichkeiten eine „famose Premiumwanze“ genannt hat. Ja, das ist sie. Jetzt zum kostenlosen Download. Danke, Edward!

„Ich habe doch nichts zu verbergen!“

Craig Whitehead / unsplash.com

Viele, mit denen ich über digitale Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung gesprochen habe, werden sich ärgern, im Gespräch unvorsichtigerweise „Ich habe doch nichts zu verbergen!“ gesagt zu haben. Meine Antwort ist dann nämlich lang und meist emotional. Es gibt einfach so viel, was jeder zu verbergen hat – und selbstverständlich auch verbirgt. Beispiel:

Warum hast du einen Zaun vor dem Haus?
Warum hast du Vorhänge vor dem Fenster?

Warum klebst du einen Briefumschlag zu?

Auch Sibylle Berg scheint bei dem Argument emotional zu werden. Und Provokativ. Und ätzend, wie ihr Kommentar auf SpOn belegt:

„Hoffen wir doch einfach darauf, dass Sie nie einen Job antreten wollen, in dem Sie erpressbar sind. Hoffen Sie einfach darauf, dass Sie nie eine Versicherung in Anspruch nehmen, dass Sie nie eine Rente beantragen. […] Hoffen wir, dass Sie nie jemandem, der mächtig ist, im Weg stehen“

Besser, wir verbergen Privates, bevor es uns zu spät als verbergenswert erscheint.