Facebook und Cambridge Analyica: Ein kleiner Kommentar zur großen Empörung

Der Missbrauch von Facebookdaten durch die Datenbroker von Cambridge Analytica schlägt große Wellen in Medien und Politik. Richtig daran ist, dass es eine Schweinerei ist, dass Nutzerdaten durch Dritte abgegriffen und zweckentfremdet wurden. Doch an der ist jener Dritte, nämlich Aleksandr Kogan, schuld. Facebook jedoch – ohne Bezug der tatsächlichen Begebenheit – mit der Stasi zu vergleichen (KStA), die Macht der Sozialen Netzwerke im Allgemeinen zu kritisieren und gleich auch noch Fake News miteinzubeziehen (Bundespräsident Steinmeier) oder gar den Nutzern Gleichgültigkeit gegenüber ihren Daten vorzuwerfen (Dithmarscher Landeszeitung) – gleich so, als wären sie selbst schuld an dem Vorfall – regt mich tierisch auf.

Es ist ein krasser Unterschied, ob ich meine persönlichen Daten in einem Dienst, den ich nutzen möchte, gegen personalisierte Werbung eintausche – wie es ein Nutzer bei Facebook tut – oder ob diese persönlichen Daten ohne mein Wissen zur politischen Manipulation verwendet werden – wie es Kogans Firma und Cambridge Analytica getan haben.

Mündigkeit der Internetnutzer heißt, darüber im Bilde zu sein, was die Internetnutzung (an Daten) kostet. Verantwortung der Unternehmen heißt, damit transparent umzugehen, die Daten zweckgebunden einzusetzen und eventuelle Partner darauf zu verpflichten (bzw. die Schnittstellen zu schützen, was Facebook im aktuellen Fall hätte besser machen müssen).

Bis diese beiden Grundsätze erfüllt sind, ist es noch ein weiter Weg. Der Ruf nach staatlicher Regulierung der Anbieter hingegen zeigt nur die Überforderung der Rufer mit dem schnellen digitalen Wandel. Das unsägliche Netzwerkdurchsetzungsgesetz ist ein gutes Beispiel dafür, wie Regulierung nicht laufen sollte.
Eine sachliche Diskussion über die Macht Facebooks ist begrüßenswert – in die aber bitte nicht nur Politiker und Datenschützer, sondern auch Menschenrechtler, Informatiker und Soziologen miteinbezogen werden. Und bei der alle digitalen Säue, die Journalisten gerne durchs Dorf treiben, draußen angebunden werden.

UPDATE 5.4.: Der Digitaljournalist Dennis Horn bringt auf Medium.com etwas Ordnung in die weiterhin chaotische Meinungsmache Berichterstattung.

„… sprengt alles bisher im Rechtsstaat Bundesrepublik Dagewesene“

Starkus01, [CC BY-SA 4.0

Der Staatstrojaner ist fertig. Recherchen von NDR, WDR und SZ zufolge (von der ZEIT gut zusammengefasst) hat das BKA ihn offenbar bereits auf Handys von Verdächtigen geschmuggelt und eingesetzt. Die Ermittler können damit den Inhalt von Chatprogrammen aufzeichnen, ohne die Verschlüsselung der Messenger knacken zu müssen.

Ich kann nicht sagen, wieviel Abscheu ich für diese Methode habe, die unsere Grundrechte in ernste Gefahr bringt. Weil ich die Gründe bereits in zwei Artikeln auf diesem Blog dargelegt habe (1 2), zitiere ich nun aus dem Kommentar von Heribert Prantl in der SZ, dem ich nichts hinzuzufügen habe:

Noch nie gab es in der Geschichte der Bundesrepublik einen größeren, umfassenderen, weitreichenderen, heimlicheren und gefährlicheren Grundrechtseingriff: Das Bundeskriminalamt hat damit begonnen, sogenannte Staatstrojaner auf privaten Computern, Laptops und Handys zu installieren. Damit können sämtliche Daten ausgeleitet, damit kann das gesamte Computer-Nutzungsverhalten eines Menschen in Gegenwart und Vergangenheit überwacht werden.

Vor dem Zugriff ist nichts und niemand sicher; auch auf eigentlich verschlüsselte Kommunikation – wie bei Whatsapp – wird schon zugegriffen, bevor sie verschlüsselt wird. Möglich ist auch der Live-Zugriff, also der heimliche Blick über die Schulter des Betroffenen. Die Eingriffsintensität sprengt alles bisher im Rechtsstaat Bundesrepublik Dagewesene.
[…]

Der Staatstrojaner ist der lebende Beweis dafür, dass in Terrorzeiten das staatliche Sicherheitsbedürfnis strukturell unstillbar ist. Deshalb ist die furchtbarste Eigenschaft des Staatstrojaners diese: Er frisst die Grundrechte auf.

 

Terrorabwehr braucht keine Massenüberwachung

In der Terrorabwehr läuft vieles falsch. Die Massenüberwachung z. B. Quelle: ARD/Arte

Braucht Terrorabwehr Massenüberwachung? Der Film „Terrorjagd im Netz„, der heute auf ARTE lief und in dessen Mediathek zu sehen ist, sagt: Nein.

In der sehenswerten Dokumentation wird beispielsweise eine private Initiative vorgestellt, die anhand öffentlich zugänglicher Informationen Terrorverdächtige ermitteln kann – indem Kommunikationswege analysiert und dargestellt werden, und das heißt auch: ohne, dass die Privatsphäre der Betroffenen verletzt wird. Eine These des Films: Wäre das von drei Zivilisten entwickelte Computersystem in behördlichem Einsatz gewesen, wäre der Terroranschlag vom 19.12.2016 in Berlin verhindert worden.

Das System weist viele Parallelen zu einem NSA-Tool auf, das Ende der 1990erjahre entwickelt wurde. Auch „Thinthread“ verfolgte nicht die Auswertung massenhafter gesammelter Daten, sondern die Analyse von Kommunikationsverhalten. Es wurde drei Wochen vor dem 9.11.2011 zugunsten eines größeren Projekts abgeschaltet – obwohl, wie ein späterer Test bestätigte, die Attentäter von 9/11 als solche hätten identifiziert werden können.

Die dritte steile, aber von verschiedenen Gesprächspartnern untermauerte These, nennt den Grund für die Liebe der Geheimdienste zur Massenüberwachung: Geld. Denn besonders in den USA liegen Überwachungstechniken in der Hand kommerziell operierender Unternehmen, in denen ehemalige NSA-Bediensteten beschäftigt sind. (Der Whisteblower Edward Snowden war ja bei solch einem privaten Sicherheitsdienstleiter beschäftigt).

Massenüberwachung hat noch keinen einzigen Terroranschlag verhindert. Ja, viele Mitarbeiter der Geheimdienste beschweren sich über diesen höchste ineffizienten Ansatz, der dazu führt, dass die Dienste die Auswertung von Daten erst ein Jahr nach Erhebung abgeschlossen haben.
Andere Systeme, die viel schneller Gefahren erkennen und bereits im Besitz der NSA waren, hätten Anschläge verhindern können. Und es gibt Systeme, die es heute können, ohne dabei die Privatsphäre zu verletzen.
Aber Massenüberwachung ist ein Riesengeschäft. Ist das ein Zufall?
Ich empfehle sehr „Terrorjagd im Netz“ anzusehen.