Tik Tok und die Macht im Netz

Donald Trump will heute das chinesische Soziale Netzwerk für den US-Markt sperren. Hintergrund ist die vermutete Weitergabe von Nutzer*innendaten an die chinesische Regierung oder deren theoretischer Zugriff darauf. Das ist bis heute nicht bewiesen, aber laut allem, was man weiß, nicht unmöglich (siehe dazu die Analysen von SZ und Netzpolitik).

Zweifelsohne – und belegbar – ist Tik Tok eine Datenkrake. Die App kann jederzeit auf die Kamera und das Mikrofon des Smartphones zugreifen (auch bei Nichtnutzung!) und verfolgt, welche Inhalte die Nutzer*innen ansehen und wonach sie suchen. Darüber lassen sich Informationen über Vorlieben und Ansichten ermitteln – also welche Mode die Nutzer*innen mögen, welche Musik sie hören, welche politischen Ansichten sie haben. Und diese Daten gelangen nicht nur in die Hände der chinesischen Plattformbetreiber und damit möglicherweise des Regimes, sondern werden über so genannte App Tracker weitergeleitet. Das sind in (fast allen) Apps einprogrammierte Schnittstellen zu externen Diensten, die in gewisser Weise mit Browser-Cookies vergleichbar sind – nur, dass darüber weit weniger Wissen verbreitet ist. Die Tik Tok-Daten werden so nicht nur an das Werbenetzwerk von Facebook weitergegeben, das damit die Zusammenstellung des Facebook- oder Instagram-Feeds (und damit einen guten Teil der Weltwahrnehmung von deren User*innen) beeinflussen kann, sondern auch an die Marketingplattform Appsflyer, die wiederum 4.500 Partnerfirmen beliefert.
Daneben, auch kein Geheimnis und aus m. E. nicht weniger relevant, wurden Videos von korpulenten Menschen oder Personen mit Behinderungen zumindest bis Ende 2019 in ihrer Reichweite benachteiligt, was die betreffenden Videoautor*innen natürlich diskriminiert – und den anderen Nutzer*innen ein völlig verzerrtes Bild von der Realität vermittelt hat – bzw. heute noch tut, denn auch die aktuellen Moderationsrichtlinien lassen Raum für Interpretation.

So unethisch Tik Tok auch ist – den Onlinedienst deshalb zu verbieten ist die falsche Lösung. Sie nimmt den Nutzer*innen die Möglichkeit der selbstbestimmten Internetnutzung – uns somit die Macht im Netz. Die mündige Entscheidung, auch ein umstrittenes Soziales Netzwerk zu nutzen, setzt selbstverständlich Informiertheit der (im Falle von Tik Tok meist jugendlichen) Nutzer*innen voraus. Damit ist es möglicherweise in den USA noch weniger weit her als in Europa, wo es nicht erst seit Einführung der DSGVO viele medienpädagogische Initiativen gibt.
Aufgabe der Politik ist dementsprechend, solche Initiativen großflächig zu fördern, d. h. vom Kindergartenalter über sämtliche Schulformen bis in die Erwachsenenbildung. Zudem ist die Regulierung kritischer Onlinedienste, wie sie in Europa diskutiert wird, ein richtiger Weg zur Durchsetzung von Nutzer*inneninteressen sowie der Wahrung demokratischer Grundsätze.

Was Trump jedoch vorhat, instrumentalisiert die US-Nutzer*innen von Tik Tok für seine chinakritische politische Agenda. Das ist eines Präsidenten nicht würdig – und eines Landes nicht würdig, das die Meinungs- und Informationsfreiheit so hoch hält wie die USA.

Diskussion um Handydaten

Im vorigen Artikel habe ich erläutert, warum die Auswertung von durch Smartphones erhobenen Metadaten ein Mittel im Kampf gegen die Corona-Pandemie sein könnte. Über den in dem Blogeintrag erläuterten Einsatz Künstlicher Intelligenz wird in der Politik derzeit zwar nicht diskutiert, wohl aber über die computergestützte Auswertung von Handy-Standortdaten.
In der aktuellen Diskussion haben sich vier kluge Leute zu Wort gemeldet, auf die ich gerne verweisen möchte:

  • Tech-Freigeist Maciej Cegłowski in der SZ:
    Er stellt sich eine Art Deal mit dem Staat vor: Im Kampf gegen das Virus geben die Menschen ihre Privatsphäre auf. Dann, wenn Covid-19 besiegt ist, sollen sie per Gesetz besser vor der Schnüffelei durch Tech-Unternehmen geschützt sein. ‚Wenn wir dem Staat schon solche Notstandsrechte geben, sollten wir den Preis hochhandeln.‚“
  • Die WDR-Journalisten Dennis Horn und Jörg Schieb im Cosmotech Podcast:
    China setzt Roboter, Drohnen und künstliche Intelligenz ein. Die USA suchen mit Supercomputern nach Medikamenten. Sogar in Deutschland wird die Idee diskutiert, Verdachtsfälle per Smartphone zu überwachen. Welche Ideen sind vielversprechend gegen das Coronavirus? Darüber streiten Dennis Horn und Jörg Schieb in COSMO TECH.
  • Whistleblower Edward Snowden im Videointerview im Rahmen des CPH DOX Dokumentarfilm-Festivals 2020. Er sagt, die Auswertung von Standortdaten sei zwar ein wirksames Mittel, um die Ausbreitung des Virus und Bewegung der infizierten Menschen zu erfassen. Doch Snowden befürchtet, es könnte verlockend sein, mit einer schärferen Datenüberwachung künftig Terroristen oder andere angebliche Staatsfeinde aufzuspüren.

Ich selbst stehe der Datensammlung zur Epidemie-Bekämpfung grundsätzlich offen gegenüber – es geht hier um die Abwägung zweier Übel. Allerdings muss, und das kommt auch in den Beiträgen zur Sprache,

  • die Nutzung der Daten auf diesen Zweck und zeitlich fest begrenzt sein,
  • die Information, wie und von wem die Daten genutzt werden, transparent sein,
  • die Nutzung von unabhängigen Institutionen überwacht werden (beispielsweise Netzpolitik oder Digitalcourage).

Nur die Smarten könn‘ erraten, was die Metadaten taten.

Es ist eine der meist unterschätzten Gefahren für unsere freiheitliche Selbstbestimmung – und deshalb ist die Sammlung von Metadaten in diesem Blog ein immerwiederkehrendes Thema.

Und es wird nicht alt. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auf ein Stern-Interview mit der Datenschützerin Katharina Nocun („Die Daten 615-544-2210 , die ich rief„) verweisen. Auch die aktuelle Folge des wunderbaren „Cosmo Tech Podcasts“ behandelt die unbemerkte und intransparente Sammlung von Meta- (Verkehrs-)Daten durch kommerzielle oder staatliche Späher (und Katharina Nocun kommt dort ebenfalls zu Wort). Der brillante Titel: „Wer hat uns verraten? Metadaten!“.
Meine Empfehlung an alle, die

  • immer noch Whatsapp nutzen,
  • wissen wollen, was die Apps im Hintergrund machen,
  • nicht glauben, dass man anhand von Metadaten private Details über einen Menschen erfahren kann,
  • noch nicht wissen, warum die Verschlüsselung digitaler Inhalte nur die halbe Miete ist,
  • wissen wollen was BND und NSA heute so machen (dürfen).