Facebook: Höchste Time to say Goodbye.

Screenshot meines Abschieds-Posts vom 2. August 2022

Nach 14 Jahren schließe ich mein Facebook-Konto. Ich kann einfach nicht mehr vor mir rechtfertigen, einen Dienst wie diesen mit meinen privaten Informationen zu unterstützen.
Meine Entscheidung hat vier Gründe:

  1. intransparente Datensammlung und -verwendung
    In den vergangenen Jahren habe ich mich ein bisschen auf Whatsapp eingeschossen. Ich habe gegen den Dienst bei der irischen Datenschutzbehörde eine Beschwerde wegen einer unzureichenden DSGVO-Selbstauskunft eingereicht, wobei das Verfahren seit drei Jahren nur sehr langsam vorangeht. Mein Ärger über die Datensammlung von Whatsapp wäre allerdings nur halb so groß, wenn Facebook und Instagram und deren intransparentes Werbegeschäft nicht davon profitieren würden. Doch die gesammelten Daten werden innerhalb des Meta-Netzwerks und munter weitergereicht und auch in die USA übertragen (Quelle 1, Quelle 2). Welche der vielen Daten aus Whatsapp (vor allem den unverschlüsselten Metadaten: mit wem ich wann von wo aus welchem Netzwerk kommuniziere) dort zu meinem Interessen- und Werbeprofil hinzugefügt werden, das Werbefirmen dann gezielt ansteuern können, lässt sich aus Facebooks und Whatsapps Datenschutzrichtlinie nur erahnen. Klar ist: Was immer ich dort direkt poste, lese, hochlade, kommentiere oder teile, wird Teil meines Profils. Das muss nicht unbedingt hundertprozentig mit meinen echten Interessen übereinstimmen (siehe letzter Absatz), aber Fakt ist: Ich kann das Profil weder willentlich beeinflussen oder aktiv beschränken, noch kann ich beeinflussen, wie der Facebook-Algorithmus meine Daten verwendet, wie er also genau mit meinen Daten meine Timeline sortiert. Ich kann nur vermuten, dass es dabei nicht immer um mein Wohl geht. Ein Facebook-internes Dokument weist z. B. darauf hin, dass Facebook mithilfe der Werbedaten gezielt verunsicherte Jugendliche anspricht, was natürlich eine Sauerei ist.
    Dazu kommt, dass Meta nicht nur die Daten von Facebook, Whatsapp oder Instagram in seinem gigantischen Datensilo zusammenmixt, sondern auch die restliche Browser- oder App-Nutzung ausspioniert. Einer internationalen Forschungsgruppe zufolge sammelt der Konzern Daten von der Hälfte aller weltweiten Internetnutzer*innen – auch von Nicht-Facebook-, Instagram- oder Whatsapp-Nutzer*innen. Ein wirksamer Schutz dagegen ist nur das penible Ausschalten aller nicht notwendiger Cookies und, wo möglich, das Deaktivieren von Tracking am Smartphone.
  2. illegal erhobene Daten
    Facebook nutzt auch Daten aus illegalen Quellen, z. B. aus Kontaktdaten, die Nutzer*innen zur sicheren Anmeldung verwenden oder sogar (in den USA) Gesundheitsdaten, die natürlich besonders sensibel sind.
  3. unethische Geschäftspraktiken
    Facebook verdient Geld mit Hetze und Desinformation. Netzpolitik.org berichtete jüngst von einem Beispiel aus der kenianischen Präsidentschaftswahl. Die ZEIT hat Ende 2021 viele weitere Beispiele dafür aufgeführt. Ein paar Kernsätze aus dem Artikel:

Im Februar 2020 rief ein Hindu-nationalistischer Politiker aus der Partei von Premierminister Narendra Modi per Facebook-Video dazu auf, muslimische Demonstranten in Neu-Delhi „von der Straße zu entfernen“. Die Folge war ein Gewaltausbruch mit 53 Toten.

Die Hassrede eskaliert im Netz, auch durch den Premierminister selbst: Vergangene Woche sperrte Facebook einen Beitrag Abiys, in dem er die Bevölkerung aufrief, die Rebellen in Tigray mit Waffengewalt „zu begraben“.

Als israelische Siedler in Jerusalem im Mai die Häuser von Palästinensern besetzten, schaute die Welt live zu: Instagram-Storys von palästinensischen Aktivistinnen wurden millionenfach geklickt. Doch dann blockierte oder beschränkte Facebook Tausende Beiträge mit Palästina-Bezug.

Um das schlechte Image der kommunistischen Führung im Ausland aufzupolieren, verbreiten Pekings Diplomaten und Staatsmedien auf Facebook, YouTube und Twitter chinesische Regime-Propaganda.

Bis Juli löschte Facebook zehnmal so viele missliebige Beiträge wie zuvor. Doch das reichte nicht, die Führung stellte Facebook schließlich vor die Wahl: Entweder beuge sich der Konzern den Vorgaben vollständig, oder er müsse Vietnam verlassen. Laut den Enthüllungen von Frances Haugen soll sich Mark Zuckerberg persönlich entschieden haben, klein beizugeben.

DIE ZEIT 2021/46


Auch die erwähnte Whistleblowerin Frances Haugen wirft Facebook ein unethisches Geschäftsmodell vor. Sie kritisiert unter anderem, dass Facebooks Algorithmus Inhalte in den Vordergrund stelle, die viel Interaktion versprechen – indem sie eher negative Gefühle auslösen. Auf der Medienmesse SXSW im März 2022 gab sie weitere Beispiele:

4. Der Zauber des Netzwerkens ist vorbei.
Bislang habe ich meine Facebook-Mitgliedschaft immer damit gerechtfertigt, dass ich dort etwas von meinen Schulfreund*innen oder Kolleg*innen erfahre, an deren Leben ich sonst nicht mehr teilhätte. Aber von diesem guten Grundgedanken der ersten Facebookjahre ist nicht mehr viel übrig. Das liegt zum einen daran, dass die Aktivität jener Bekannten auf Facebook – wie bei mir auch – deutlich zurück gegangen oder gar nicht mehr vorhanden ist. (Der letzte Post aus meiner Abigruppe kam aus dem Januar 2021 – er war von mir. Der nächst zurückliegende kam aus dem Jahr 2017.) Darüberhinaus scheint Facebook den Anspruch Menschen zu vernetzen zugunsten eines Vergnügungsparks aufgegeben zu haben. Anders kann ich mir die penetrante Präsenz für die Tiktok-artigen Reels und das Youtube-artige Facebook Watch in meinem Feed nicht erklären.

Facebookprofil löschen: souverän oder inkonsequent?

Was trotz der mitunter ungeheuerlichen Sachen, die Facebook sich erlaubt, zur ganzen Wahrheit meines Abschieds gehört, ist, dass ich meinen Instagram-Account und auch den Redakteurs-Account für die Facebookseite meines Arbeitgebers weiterführen werde. Beide Kanäle dienen der Imagepflege meines Arbeitgebers bzw. meines Podcasts. Als solche sind sie relativ arm an persönlichen Daten. Dennoch mag es der einen oder dem anderen möglicherweise inkonsequent erscheinen, meinen privaten Account zu schließen aber die dienstlichen Kanäle zu behalten. Ich hingegen betrachte das Schließen meines persönliches Facebookkontos (ebenso wie meine Whatsapp-Abstinenz) als Beitrag zu meiner Datensouveränität: Jede persönliche Information – sei sie absichtlich gepostet oder im Hintergrund gesammelt worden, die nicht von Meta zu Geld gemacht werden kann, stärkt meine informationelle Selbstbestimmung. Es ist mein Recht zu bestimmen, wer welche Information über mich wie verwenden darf. Und – das zeigt meine DSGVO-Selbstauskunft – in 14 Jahren sind bereits eine Menge Daten in die Geld- und (Des-)informationsmaschine namens Facebook geflossen: Die heruntergeladene Zip-Datei enthält 265 Megabyte an Daten.

Meine Interessen lt. Facebook-Selbstauskunft

Diese – bei weitem nicht vollständige – Datenauflistung zeigt auf, wie mächtig das von Facebook (und Whatsapp – bis 2018 war ich dort ebenfalls Nutzer) erstellte persönliche Profil von mir ist.
In der bereitgestellten Zip-Datei finden sich

  • mein komplettes Handy-Telefonbuch von 2008 inklusive Email-Adressen,
  • eine Liste aller Werbetreibenden, auf deren Anzeigen ich geklickt habe (und an deren Namen ich mich nicht mal erinnern kann),
  • eine Liste aller Seiten und Apps, die Daten an Facebook weitergeleitet haben (dito: ich kenne einige Apps überhaupt nicht.),
  • eine Liste der Interessen, die Facebook aufgrund aller gesammelten Daten bei mir vermutet.
    Darunter: Hunde, Gartengestaltung, das US-Footballteam „Green Bay Packers“ und der US-Musiker Michael McDonald. Den ich nicht kenne, ebensowenig wie die Green Bay Packers. Und mit Hunden und Gartengestaltung habe ich wenig am Hut.

So wird mein Abschied von Facebook von einem Kopfschütteln begleitet. Es mögen Zweifel bleiben, ob ich nicht doch die (sehr) losen Kontakte zu (mittlerweise sehr wenigen) meiner Bekannten vermissen werde. Doch meine Entscheidung steht: Diese Plattform und sein Mutterkonzern sind nicht (mehr) gut für die Welt, und sie sind nicht (mehr) gut für mich. Adieu!