BND Brother is watching us

Eheml. Abhöranlage der US-Armee, Teufelsberg, Berlin. Diesel74656 / devianart

Eheml. Abhöranlage der US-Armee, Teufelsberg, Berlin. Diesel74656 / devianart

Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND steckt ganz tief drin im NSA-Skandal. Das belegt ein geheimer Prüfbericht der Bundesdatenschutzbeauftragten Andrea Voßhoff, der von netzpolitik.org veröffentlicht wurde. Das Bundeskanzleramt als Dienstherr des BND hat die Praktiken über Jahre hinweg nicht wahrgenommen, ignoriert oder sogar gedeckt – die vielfachen Rechtsbrüche aber auf jeden Fall nicht gestoppt. Im Gegenteil: Das neue BND-Gesetz, das noch dieses Jahr verabschiedet werden soll, legalisiert das BND-Vorgehen und weitet seine Befugnisse noch aus. Wohlgemerkt: Eine Behörde, die mehrfach Rechtsbruch begangen hat (das Wort benutzen sowohl die Beauftragte als auch ein Landesrichter in einer Reaktion) und das „Grundrecht von unendlich vielen Bürgern verletzt hat“ (H.-C. Ströbele, Grüne), bekommt erweiterte Befugnisse, ohne dass vorher alle Vorwürfe ausgeräumt wurden. Folgende BND-Aktionen sind für uns Bürger aus meiner Sicht besonders bedeutsam:

  • die intensive Metadatensammlung, auch von unverdächtigen Personen (auf eine verdächtige Person kommen 15 unverdächtige). Zitat aus dem Prüfbericht:

Indem der BND sämtliche Metadaten aller Kommunikationsverkehre auf einer Kommunikationsstrecke ausleitet und nach Durchlaufen der DAFIS-Filterung in VERAS 6 erfasst, speichert und nutzt der BND unstreitig auch Metadaten von Kommunikationsverkehren unbescholtener Personen, die für seine Aufgabenerfüllung nicht erforderlich sind.

  • die Nutzung des NSA-Durchsuchungs-Tools Xkeyscore direkt an Internetknoten. Laut dem Prüfbericht durchsucht der BND mit dem Tool

[…] weltweit den gesamten Internetverkehr (IP-Verkehr), d. h. alle im IP-Verkehr enthaltenen Meta- und Inhaltsdaten und speichert die getroffenen IP-Verkehre (E-Mails, Chats, Inhalte öffentlicher sozialer Netzwerke und Medien sowie nicht öffentlicher, d. h. für den allgemeinen Nutzer nicht sichtbarer, Nachrichten in Webforen etc.) und damit alle in diesen IP-Verkehren auftauchenden Personen (Absender, Empfänger, Forenteilnehmer, Teilnehmer der sozialen Netzwerke etc.).

  • die unkritische Vewendung, Speicherung und Verarbeitung von Selektoren (Suchmustern) der NSA. Jeder Verwendung müsste eine Tauglichkeitsprüfung vorhergehen, was bei 14 Mio. Begriffen natürlich unmöglich ist. Stattdessen ungefilterte Weitergabe der Ergebnisse an die NSA.
  • die ungenaue Aussiebung deutscher Nutzer aus den Ergebnissen (die der BND qua Auftrag nicht überwachen darf);
  • die Nutzung von Datenbanken („Dateianordnungen“) offenbar ohne (?) Erlaubnis des Bundeskanzleramtes;
  • die weitgehende Behinderung der Kontrolle der Bundesdatenschutzbeauftragten.

Wenn die NSA der Big Brother ist, dann ist der BND der kleine Bruder – oder besser: ein Halbwüchsiger, der unbedingt Gangmitglied sein will, aus Geltungssucht und Arroganz Gesetze übertritt und die Folgen seines Tuns nicht überblickt.
Dabei sind die laut Landesrichter Ulf Burmeyer gravierend:

Wenn der BND diese Grenzen nicht einhält, dann höhlt er den Rechtsstaat des Grundgesetzes aus, den er doch eigentlich schützen soll.

Was können wir tun?

Nicht die Nerven verlieren. Wir sind das Volk. Wir haben solange Macht über unsere Daten, bis wir sie ins Netz setzen. Wir können bestimmen, welche Worte wir in die Telefonleitungen sprechen, welchen Post wir auf Facebook setzen, welchen Email- und Kurznachrichtendienst wir nutzen und ob uns Verschlüsselung zu kompliziert ist oder nicht. Die Grundsätze Datenschutz (Passwörter! Verschlüsselung!) Datensparsamkeit (Tu nur das Nötigste im Netz!) und Datenhygiene (Trau nicht nur einem Anbieter! Lösche nicht verwendete Konten!) sind nun wichtiger denn je. Und vor allem: Löscht dieses verdammte Whatsapp! Die neuen AGB belegen, dass die Daten unbescholtener Bürger (unserer Telefonbucheinträge!) durch die Whatsappnutzer selbst ins Netz gegeben werden, was in diesem Falle allen drei o. g. Grundsätzen widerspricht und willkommenes Futter für die NSA und ihre Gehemdienstbuddies sind.

Was muss die Politik tun?

Ich hoffe, dass uns die Politik nicht im Stich lässt. Der Prüfbericht enthält soviel Sprengstoff, dass er für einen dicken Ruck durch Regierung, Ministerien und Bundestag ausreicht. Konkret hoffe ich,

  • dass die Bundesdatenschutzbeauftragte und der NSA-Untersuchungsausschuss die Rechtsbrüche durch den BND als solche benennen und sie dem Parlament und uns Bürgern erklären;
  • dass es politischer Konsens wird, dass unser Auslandsgeheimdienst transparenter agieren muss;
  • dass das BND-Gesetz daraufhin verändert wird;
  • dass die Zusammenarbeit von NSA und BND geklärt und auf das politisch kontrollierbare Mindestmaß reduziert wird;
  • dass die Parteien die Wahrung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung zum Thema der Bundestagswahl 2017 machen.

Es bedarf ferner einer breiten gesellschaftlichen Diskussion über das Verhältnis von Freiheitsrechten einzelner und dem Schutz der Allgemeinheit. Als Impuls ist dafür freilich ist ein gewisses Maß an Empörung notwendig, die ich bislang aber leider nicht erkennen kann. Die Einstellung „Ich habe doch nichts zu verbergen“ ist wohl noch zu weit verbreitet, obwohl sie kurzsichtig und gefährlich ist. Bei der Frage, wie unsere Behörden mit unseren Daten umgehen, geht es ums Ganze: um unsere Freiheit und die Zukunft unserer Gesellschaft. Empören wir uns!