Whatsapp ist das neue Threema!

perspecsys / CC BY_SA 2.0

perspecsys / CC BY-SA 2.0

„Bei Google, Facebook und Apple sind wir nicht Kunden, sondern Ware.“ Auf einer Medientagung gestern habe ich diesen Spruch in mehreren Abwandlungen gehört, und dort nicht zum ersten Mal. Natürlich da etwas dran: Wir erhalten Dienstleistungen und zahlen mit unseren Daten. Dieser Deal dürfte keinen aufgeklärten Internetnutzer erschrecken. Dass die genannten Unternehmen mit unseren Daten Unsummen von Geld erwirtschaften, ist auch weitgehend bekannt.

Der Kauf der Messaging-App Whatsapp durch Facebook im Frühjahr hat ganz gut in das Konzept gepasst – immerhin läuft es auf weltweit 600 Mio. Smartphones!
Doch als Datenstaubsauger taugt Whatsapp künftig nicht mehr. Wie das weiterhin unter einem Namen arbeitende Unternehmen heute bekannt gab, werden künftig alle Konversationen verschlüsselt – und zwar „End-to-end“, so dass auch die Betreiber keinen Einblick in die Daten haben (ZEIT-Artikel). Bei Einzelchats zwischen zwei Androidnutzern ist das sogar schon der Fall, weitere Plattformen, Gruppenkonversationen und Medieninhalte werden folgen.

Ich hätte damit nie gerechnet. 600 Mio. Menschen kommunizieren künftig verschlüsselt?
Sollte die Verschlüsselung wirklich nachprüfbar sicher sein, wäre das das Ende für Threema und Co. – und ein Neuanfang für Whatsapp auf meinem Handy. Und eine Rückkehr in altbekannte, kommunikationsfreudige Kreise, aus denen ich in den vergangenen fünf Monaten ausgeschlossen war. Ob die mich noch kennen?

Mit ein bisschen Stolz erfüllt mich, dass meine These aus dem Februar (übrigens in einem der meistgelesenen Artikel dieses Blogs) offenbar stimmt: Facebook macht Whatsapp sicherer. Denn die Zusammenarbeit mit Verschlüsselungsexperten begann direkt nach der Übernahme durch Facebook. Die Ziele des/der Unternehmen bei der Verschlüsselungsinitiative kann ich nicht jedoch nachvollziehen, widerspricht sie doch vollends Facebooks Geschäftsmodell (s. o.: Service gegen Daten). Warum verzichtet Mark Zuckerberg auf 600 Mio. munter Informationen, Fotos und Videos teilende Menschen?

Antworten gerne als Kommentar.

Liedermacherlehren am Sonntag

Natürlich rege ich mich darüber auf, dass die NSA täglich Millionen Gesichter aus dem Internet und anderen Quellen sammelt und auswertet. Die Kategorisierung biometrischer Daten dürfte einer der größten Gefahren für unsere Freizügigkeit sein – man denke nur an den theoretisch möglichen Abgleich von privaten Fotos mit offiziellen Dokumenten, Reisepässen oder Visa z. B.

Aber heute will ich mich nicht ärgern. Lieber teile ich ein Lied aus meiner Jugendzeit. „Wir werden alle überwacht“ war damals schon uralt, doch habe ich damals Georg Danzer Mitte der Neunziger als einen der großen Liedermacher kennen und lieben gelernt. Einige Jahre zuvor hatte ich schon Konstantin Wecker für mich entdeckt, den ich bis heute auch aus musikalischer Sicht tief bewundere. Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich nicht ausschließen, dass die beiden offensiv linken Künstler vielleicht Einfluss darauf gehabt habes, dass ich nun ein kritisches, politisches Blog betreibe.

So bezeichne ich es mal als Lehrsatz, dass, wenn man sich so sehr gegen Missstände auflehnt, ein bisschen Ironie nicht schadet (oder ist das ein Allgemeinplatz?)
Wie Georg Danzer 1979 mit „Wir werden alle überwacht“ (also zu Zeiten der RAF) gezeigt hat.

Desweiteren darf ich noch einen visuellen Kalauer loswerden, den ich mir auf Facebook geleistet habe:

- - Nicht mal Konserven vor der #nsa sicher - - Geheimdienst dringt in Tomatendose ein #tomatoleaks - -

– – Nicht mal Konserven vor der #nsa sicher – – Geheimdienst dringt in Tomatendose ein #tomatoleaks – –

In diesem Sinne: Der PRISMaelit zieht jetzt aus. Nach draußen in die Sonne.

Datenkrake Quizduell: Wissen ist Macht. Nichtwissen auch.

Es ist „so simpel wie fesselnd“, schreibt n-tv.de.
„Das ganze Leben ist ein Quiz“, singt Hape Kerkeling.
„Ja, ich möchte die App downloaden“, sagt der Nutzer, wenn er auf seinem Smartphone oder Tablet „Quizduell“ installiert.

Was er – und seine 10 Mio. potentiellen Mitspieler, die es allein in Deutschland gibt – beim Starten des „simpel anmutendes Wissensspiels“ (N-TV)  in Kauf nehmen, dürfte den wenigsten Ratefreunden bewusst sein:
Die App ist ein Beispiel für exzessive Datensammlung – und deren Vermarktung durch den App-Anbieter FEO Media AB.


Berechtigungen

Zunächst einmal erfordert die App beim Download mehr Berechtigungen für den Zugriff auf Smartphone oder Tablet, als für ein Onlinequiz erforderlich sind. In der Android-Version, die von den meisten Quizduellanten genutzt wird, ist es unter anderem der Zugriff

  • auf die Protokolldateien des Handies oder Tablets. Dabei geht es um die Dateien, in denen Apps und das Handybetriebssystem alle möglichen Ereignisse speichern. „Diese [Daten] könnten persönliche oder geheime Daten enthalten“, warnt selbst der Google Playstore
  • auf die eigene Telefonnummer
  • darauf, ob gerade ein Anruf getätigt wird und wenn ja, mit wem (Telefonnummer)
  • auf die Liste der im Handy eingerichteten Konten, also z. B. die Emailadresse, das Facebook-Login oder den Whatsapp-Namen

Datenschutzerklärung

Untitled DatenschutzerklärungDie Datenschutzerklärung von Quizduell trägt diesen Namen nicht ganz zu Recht: Sie schützt keine Daten, sondern legt im Wesentlichen fest, welche weiteren Daten außer den obigen die App den Entwicklern noch in die Hände spielt. Die Erklärung ist im Appstore oder im Google-Playstore verlinkt und wird durch Herunterladen der App akzeptiert. Leider ist sie nur auf Englisch, was Sprachfremde vom Verständnis der Erklärung logischerweise ausnimmt. Wieviel Mühe sich die Entwickler mit der Erklärung gemacht haben, sieht man aber auch noch daran, dass die Seite im Browser den Titel „Unitled Document“ trägt.

Viel interessanter ist aber deren Inhalt. Neben den durch die Berechtigungen erteilten Möglichkeiten zur eindeutigen Identifizierung des Spielers gibt die Datenschutzerklärung zu, auch die Handyidentifikationsnummer („Device ID“, das dürfte die IMEI-Nummer des Smartphones/Tablets sein) zu nutzen.

Desweiteren nutzt Quizduell die Infos,

  • zu welchen Zeiten die App verwendet wird
  • welche Antworten auf die Quizfragen gegeben werden

Die Informationen, wann ein Nutzer Zeit zum Spielen hat und wie lange er dann spielt, ist für die kommerzielle Datensammlung natürlich erheblich – immerhin gibt sie Auskunft über das Freizeitverhalten des Nutzers.

In dem Geschäftsmodell Datensammlung bislang keine Rolle spielt aber die Frage, was der Nutzer weiß. Denn das, worin man richtig gut ist, scheint entweder Interesse oder Profession des Spielers zu sein – und zwar eine, die belastbarer ist als ein einfaches „Gefällt mir“ bei Facebook (das nicht selten reine Selbstinszenierung ist).

Diese Infos sind für personalisierte Werbung Gold wert. Und das ist freilich Ziel und Finanzierungsquelle der App – das Recht solche Werbung zu schalten nehmen sich die Entwickler in dem Dokument freilich auch heraus.

We may […] send you our newsletter and other marketing communications relating to our business which we think may be of interest to you, by email or in-App messaging

Änderungen still und heimlich

Weiter heißt es, dass mögliche künftige Änderungen an den Datenschutzregelungen durch Nutzung des Spiels akzeptiert werden.

We reserve the right to change or modify this Agreement or any other policies referred to herein related to use of the App at any time and at our sole discretion by posting revisions on our website or in the App. Continued use of the App following the posting of these changes or modifications will constitute acceptance of such changes or modifications.

Der Spieler wird also nicht im Spiel darauf hingewiesen: „Hallo, wir würden gerne in der Zeitung schreiben, wie schlau oder blöd du bist“ oder „Wir geben deine Antworten jetzt an deinen Arbeitgeber weiter“ oder „Wir verkaufen deine Daten ab sofort an Dritte“.
Nein, die eventuell geänderten Regeln werden akzeptiert, in dem der Nutzer weiterspielt.

Quelle: Google Play StoreVeröffentlicht werden sie auf der Webseite oder in der App, teilt uns das Dokument mit. Das stimmt allerdings nicht. Auf den offiziellen Webseiten des Spiels, quizduell-game.de für die deutsche oder quizkampen.se für die originale schwedische Version, gibt es den Link zu dem „Untitled“ Datenschutz-Dokument nicht. Nur über den Appstore / Google Play kommt man heran, und dort ist die Erklärung sehr schwer zu finden.

Schnellregistrierung über Facebook

Noch dramatischer wird der Verlust der Kontrolle über die eigenen Daten, wenn ein Nutzer sich über Facebook in der Quizduell-App registriert. Über das so genannte „Facebook Connect“ geht zwar schneller und ist für den Spieler deshalb komfortabler, aber:
Quizduell wird damit das Recht zugestanden, auf alle öffentlichen Facebookinfos zuzugreifen. Diese können die Quizduellmacher dann mit den anderen gesammelten Informationen verknüpfen. Öffentlich sind in Facebook z.B. das Profilbild, der Facebookname und die Freundesliste. Durch Letztere bietet sich FEO Media AB eine weitere wichtige Verbindung, wenn es um Interessen und Freizeitverhalten geht. Denn was ich in meiner Freizeit mache, könnte auch das Interesse meiner Freunde wecken.

Facebook Connect ist datenschutzrechtlich grundsätzlich höchst bedenklich. Im Fall Quizduell sollte es jedem Nutzer zu denken geben, dass bei der Nutzung dieser „Schnellregistrierung“

  • die Menge der verknüpften Daten überhaupt nicht notwendig sind, um die App nutzen zu können (womit Quizduell nebenbei gegen Facebooks Bedingungen für die Connect-Nutzung verstößt)
  • die Verbindung zwischen der App und Facebook erhalten bleibt, auch wenn man die App nicht mehr nutzt oder deinstalliert. Lediglich auf ausdrückliches Geheiß des Kunden müssen, so die Facebook-Richtlinien, die Daten gelöscht werden. Doch wer denkt daran, wenn er Apps deinstalliert?

Auch Facebook profitiert von der Verknüpfung. Das Unternehmen bekommt zwar nicht alle Quizduell-Daten („Connect“ ist datenmäßig eine Einbahnstraße, wie Social Technology Review aufklärt), aber selbstverständlich registriert Facebook, wann ein (über Facebook registrierter) Quizduellspieler die App startet. Diese Info: „Der Nutzer spielt dann und dann Quizduell“ ist natürlich eine weitere vorzügliche Informationsquelle, die Facebook für eigene, personalisierte Werbung nutzen kann. Denkbar wäre, zur üblichen Quizduell-Zeit andere Quizspiele anzubieten.

Fazit

Quizduell ist ein Millionenprojekt. Es gibt ein Buch zum Spiel, die Entwickler sind derzeit offenbar in Verhandlungen mit Produzenten für eine Fernsehshow – und nebenbei sammeln sie Minute für Minute wertvolle Daten für die digitalen Persönlichkeitsprofile der Ratefreunde.
Persönliche Daten sind die Währung im digitalen Zeitalter, das wissen wir seit Facebook. Doch während Facebook hart daran arbeiten muss, sein Positivimage zu behalten und nicht als böse, kommerzielle Datenkrake dazustehen, gilt Quizduell als unverfängliche Raterei für Zwischendurch – die Erfahrungsberichte im Play Store belegen das.

Ich habe das Spiel ausprobiert (und ihr über XPrivacy nur die Berechtigungen zugestanden, die sie wirklich braucht) und kann mich dem Reiz des Mal-eben-schauens-wie-schlau-ich-bin ebenfalls nur schwer entziehen. Aber dass hinter Quizduell keine netten Informatikstudenten stehen, die sich und der Welt ein bisschen Spaß bereiten wollen, sondern das  Quizduell ein großer Player im knallharten Geschäft mit den Daten ist, sollte allen Nutzern bewusst sein. Nur dann können sie sich mündig für oder gegen die Raterei entscheiden.