Brief an den mitlesenden Geheimdienstmitarbeiter

Immer nur über die Geheimdienste zu reden ist natürlich unfair. Deshalb habe ich auf all meinen Cloudspeichern, den vermeintlich sicheren wir den definitiv unsicheren, einen Brief an die Mitlesenden abgespeichert – und zwar im durch meine Zugangsdaten geschützten Bereich. Ob sie sich über meinen Brief freuen? Er enthält folgende Zeilen:

 

Brandon Giesbrecht / CC BY 2.0

Brandon Giesbrecht / CC BY 2.0

Lieber Geheimdienstmitarbeiter,

dieser Text ist privat. Ich als Urheber gebe dir nicht das Recht, diesen Text zu lesen. Aber du tust es. Indem du das tust, verletzt du meine Persönlichkeitsrechte.

Du verletzt mein Recht auf vertrauliche Kommunikation, auf informationelle Selbstbestimmung und darauf, Sachen im Geheimen sagen zu dürfen. Das ist ein elementarer Teil meiner Freiheit. Du verletzt diese Freiheit. Du verletzt die freie Welt.

Ich danke dir und deinen Kollegen, dass du dein Land und unser Land im Namen dieser Freiheit vor dem Terror schützen willst – aber das darfst du nicht tun, indem du auf Verdacht Datenströme abgreifst und auswertest. Diese Datenströme enthalten private Informationen unschuldiger Bürger. Du erhältst ihre Kreditkartendaten, Emailpasswörter und den Zugang zu ihren Facebookprofilen. Du erhältst aber auch Verabredungen zu ersten Dates, Liebesbriefe, Lästereien, Lehrerscherze – Inhalte, die Vertrauen als Basis haben und Vertraute als Adressaten. Bitte respektiere die Privatsphäre der Menschen, die hinter den Bits und Bytes stehen. Der Kampf gegen den Terror darf nicht dazu führen, dass sich Menschen misstrauen, sich nur noch in geheimen Verstecken treffen können, nicht frei ihre Meinung sagen dürfen.

Wenn du der Ansicht bist, dass du trotz dieser Aspekte das Recht oder die Pflicht hast, weiter zu tun, was du tust, lass dir sagen: Ich verabscheue das. Du setzt mehr aufs Spiel, als du begreifst.

Michael

NothingsApp

Jakub Hałun, CC BY-SA 3.0

Jakub Hałun, CC BY-SA 3.0

WhatsApp gehört aus Privatsphäresicht zu den gefährlichsten Apps, die derzeit auf dem Markt sind – unter anderem habe auch ich davon geschrieben.

Ich habe lange überlegt, bis ich das Programm endlich von meinem Smartphone gelöscht habe. Es ist in den letzten Jahren einfach zum Standard für Kurznachrichten geworden – zum einen, weil es im Gegensatz zu SMS kostenlos ist, zum anderen sicherlich deshalb, weil man in Gruppen kommunizieren kann.

Vor fünf Wochen habe ich Whatsapp dann gelöscht – und zwar dann, als das letzte Mitglied der Gruppe, in der ich mich mit meiner Familie unterhalte, Threema installiert hatte. Die Kommunikation in der Threema-Familiengruppe läuft genauso wie damals bei Whatsap, mit einzelnen Personen tausche ich mich per Threema oder per SMS aus, aber von von meinen anderen bisherigen Whatsapp-Gruppen – Schwiegereltern, Freunden und Nachbarn – bin ich jetzt abgeschnitten. Tatsächlich erfahre ich viele Neuigkeiten, die ich früher direkt erfahren hätte, von meiner Frau, die noch immer Whatsapp nutzt. Nicht selten höre ich: „Achso, das hast du ja gar nicht mitbekommen!“ Richtig, habe ich auch nicht, denke ich dann und bedaure das. Ich tröste mich ein wenig mit dem Gedanken daran, dass mein digitales Schattenprofil auf den Whatsapp-Servern „das“ eben auch nicht mitbekommen hat. Das ist ein Stück Genugtuung, an der kommunikativen Abgeschnittenheit ändert es jedoch nichts. Offenbar können die Schwiegereltern-, Freundes- und Schwiegerelterngruppen ohne mich. Und offenbar sperren sich deren Mitglieder gegen die Installation einer Whatsapp-Alternative. Warum, das habe ich noch nicht rausbekommen, aber ich möchte mich auch nicht aufdrängen – dass Whatsapp gefährlich ist und ich einen Blog schreibe, der sich mit Datenschutz beschäftigt, wissen sie sicherlich.

Ich muss erstmals einsehen, dass mein Versuch, mein digitales Leben informationell selbstbestimmt und ohne Komfortverlust zu gestalten, nur dann klappt, wenn meine Bekannten mitmachen. Und deren informationelle Selbstbestimmung schließt zunächst einmal ein, wie sehr sie sich dafür interessieren.

Liedermacherlehren am Sonntag

Natürlich rege ich mich darüber auf, dass die NSA täglich Millionen Gesichter aus dem Internet und anderen Quellen sammelt und auswertet. Die Kategorisierung biometrischer Daten dürfte einer der größten Gefahren für unsere Freizügigkeit sein – man denke nur an den theoretisch möglichen Abgleich von privaten Fotos mit offiziellen Dokumenten, Reisepässen oder Visa z. B.

Aber heute will ich mich nicht ärgern. Lieber teile ich ein Lied aus meiner Jugendzeit. „Wir werden alle überwacht“ war damals schon uralt, doch habe ich damals Georg Danzer Mitte der Neunziger als einen der großen Liedermacher kennen und lieben gelernt. Einige Jahre zuvor hatte ich schon Konstantin Wecker für mich entdeckt, den ich bis heute auch aus musikalischer Sicht tief bewundere. Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich nicht ausschließen, dass die beiden offensiv linken Künstler vielleicht Einfluss darauf gehabt habes, dass ich nun ein kritisches, politisches Blog betreibe.

So bezeichne ich es mal als Lehrsatz, dass, wenn man sich so sehr gegen Missstände auflehnt, ein bisschen Ironie nicht schadet (oder ist das ein Allgemeinplatz?)
Wie Georg Danzer 1979 mit „Wir werden alle überwacht“ (also zu Zeiten der RAF) gezeigt hat.

Desweiteren darf ich noch einen visuellen Kalauer loswerden, den ich mir auf Facebook geleistet habe:

- - Nicht mal Konserven vor der #nsa sicher - - Geheimdienst dringt in Tomatendose ein #tomatoleaks - -

– – Nicht mal Konserven vor der #nsa sicher – – Geheimdienst dringt in Tomatendose ein #tomatoleaks – –

In diesem Sinne: Der PRISMaelit zieht jetzt aus. Nach draußen in die Sonne.