Es ist Safer Internet Day, mein Gott!

Am Dienstag ist Safer Internet Day. Dieser Tag wird seit 1999 in vielen Staaten der Welt begangen, um die Sicherheit von Kindern im Netz zu thematisieren. Mit diesem Thema bin ich ja seit vielen Jahren unterwegs, in Workshops mit Schüler*innen, in Seminaren mit Lehrkräften oder auf Elternabenden. Und hin und wieder auch auf meinem Blog.

Aber warum eigentlich? Es ist doch eigentlich Gottes Aufgabe, uns und unsere Kinder zu schützen! Mehr noch: Es ist sogar eine Zusage! So steht im Psalm 91, hier in der wunderbaren Übersetzung von Buber und Rosenzweig:

Er schirmt dich mit seiner Schwinge, du birgst dich ihm unter den Flügeln, Schilddach, Ringmauer ist seine Treue.
Nicht mußt du vor dem Nachtgraus dich fürchten,
vor dem Pfeil, der am Tage fliegt,
vor der Pest, die umgeht im Dunkel,
vorm Fieber, das im Sonnenglast gewaltigt.

Die Schrift [Buber-Rosenzweig] (1929)


Klare Sache also: Gott schützt die Kinder auch im Internet! Aber warum gibt’s dann Pädophile, die dort Jagd auf Minderjährige machen? Warum werden Tag für Tag Kinder per Chat gedemütigt, gemobbt, erpresst? Warum musste die 10jährige Antonella aus Palermo sterben, weil sie bei der Blackout-Challenge auf TikTok mitgemacht hat und sich beim Luftabschnüren mit einem Gürtel im Badezimmer selbst erstickt hat?
Die Theodizeefrage – warum Gott Leiden in der Welt zulässt – stellt sich also auch im Netz: Warum lässt Gott das zu?
Ich glaube, Gott sitzt auch manchmal vor dem Internet. Er freut sich über die tollen Möglichkeiten, die es bietet, die Kreativität, die grenzenlose Kommunikation. Er sieht aber auch die dunklen Seiten des Netzes – und leidet mit den Opfern und ihren Angehörigen.

Nein, Jugendschutz im Internet ist eine menschliche Aufgabe, keine göttliche. Zum einen ist es eine Aufgabe für die Politik, die endlich zuverlässige Altersprüfungen bei Onlinediensten durchsetzen muss. Die Politik muss die großen Diensteanbieter endlich zur Offenlegung ihrer Algorithmen verpflichten die unsere Kinder und uns tagtäglich verführen und manipulieren wie der Satan in der Wüste.

Jugendschutz im Internet – eine göttliche Aufgabe?

Es ist eine Aufgabe von Schulen, in denen die Chancen und Risiken der digitalen Welt nur in Einzelfällen und oft bruchstückhaft vermittelt werden, in denen die Geschäftsmodelle hinter den Jugend-Apps nicht auf dem Stundenplan stehen, in denen Datenschutz nicht als Persönlichkeitsschutz begriffen wird und in denen nur selten Ansprechpartner*innen bereitstehen, wenn Schüler*innen im Internet in Bedrängnis geraten.

Jugendschutz im Netz ist auch eine Aufgabe für uns Christen. Wo sind wir im Netz präsent – die Bistümer und Landeskirchen, die Gemeinden, die Seelsorger*innen, aber auch wir selbst: Geben wir uns zu erkennen, wenn anderen im Netz Unrecht widerfährt? Machen wir uns stark für die Sache Jesu in der digitalen Welt?

Zuvorderst ist Schutz von Kindern im Netz aber die Aufgabe von denen, die Gott mit dem Schutz von Kindern eingesetzt hat. Der Eltern. Was tun wir um unser Kinder willen, damit das Internet sicherer wird?
Klar: Wir tracken sie!
Wozu hat die Smartwatch einen GPS-Sensor, wozu gibt es die Standortfreigabe bei Whatsapp, wozu gibt’s auf Snapchat die SnapMap?
Damit wir Helikopter-Eltern werden! Genau!
Quatsch. Ich glaube sogar, dass die durch Smartphones vermittelte Nähe zwischen Eltern und Kinder zwar Vorteile hat, aber auch Einfluss darauf, wie Kinder Selbstständigkeit und Problemlösungskompetenz erlernen.

Nein, die große Aufgabe von uns Eltern beim Jugendmedienschutz ist: Zu begreifen, dass die Lebenswelt der Kinder ganz anders durch digitale Medien geprägt ist als unsere – und uns darauf einzulassen.
Im Klartext: Wenn wir wollen, dass uns unsere Kinder uns beim Sprechen über Gefahren ernst nehmen, müssen wir deren Medienkonsum erst einmal selbst ernst nehmen! Wir müssen die Apps ausprobieren, um den Reiz von TikTok und Snapchat nachvollziehen zu können. Wir sollten selbst mal Fortnite zocken – und dürfen sogar Spaß dabei haben – um danach die Gefahren, die uns dabei auffallen, unseren Kindern zu vermitteln. Dann hören sie uns zu!
Sprechen auf Augenhöhe ist eine Aufgabe für beide Seiten. Es ist eine mühsame Aufgabe, weil sie Zeit kostet. Doch ist es Zeit, die aufgewogen wird mit purer Medienkompetenz. Von Eltern und Kindern.

Viele Studien zeigen: Die Familie ist für die junge Generation das Wichtigste im Leben, viel wichtiger als ihr Handy. Darauf können und sollten wir Eltern bauen!
Dann heißt Safer Internet heißt eben nicht Totalkontrolle, weder durch Gott noch durch uns Eltern. Sondern es heißt: Verständnis, Ermächtigung, Vertrauen – also das, was wohl die meisten mit dem Begriff Familie verbinden.

Wir Eltern dürfen uns also ruhig angesprochen fühlen von dem Vers in Psalm 91: Seinen Boten befiehlt er, dich zu hüten auf all deinen Wegen. Denn diese Wege führen auch durch den Klassenchat, auch durch die Snapchat-Inbox und auch durch den TikTok-Feed.

Whatsapp und die Auskunftsrechte, Teil 5: Ein neuer Brief aus Irland

Whatsapp hat sich gemeldet.
Zur Erinnerung: Ich werfe dem Unternehmen eine unzureichende Auskunft über die Verwendung meiner personenbezogenen Daten vor. Diese Position wird vom Bundesdatenschützer gedeckt. (Die ganze Story: Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4)

Die Kommunikationswege sind kompliziert. Mein Ansprechpartner sitzt in einem Referat des Bundesdatenschützers, der wiederum mit der für Whatsapp zuständigen irischen Datenschutzbehörde DPC (Data Protection Commissioner) kommunizert, die dann direkt mit Whatsapp Kontakt hat. Nun hat sich Whatsapp in meiner Sache bei der DPC gemeldet. Das Unternehmen gibt offenbar zu, dass die von mir angefragten Daten durchaus personenbezogen sind:

WhatsApp erklärte, dass einige der Metadaten, auf die die DPC Bezug nahm, als Informationen über eine „identifizierbare“ natürliche Person, in diesem Fall Sie, angesehen werden können und daher personenbezogene Daten im Sinne von Art. 4 Abs. 1 DS-GVO darstellen können, auf die das Recht auf Auskunft Anwendung finden würde, sofern keine Ausnahmen anwendbar sind. WhatsApp behauptete jedoch, dass das Recht auf Auskunft nicht anwendbar sei, wenn WhatsApp die personenbezogenen Daten nicht ohne übermäßige oder unmögliche Anstrengungen abrufen kann (Art. 12 Abs. 5 und Art. 15 Abs. 4 DSGVO).

Aus einem Schreiben der irischen Datenschutzbehörde, Dez. 2020


Das Schlupfloch Anstrengung nutzt Whatsapp denn tatsächlich, um meine Daten nicht herausrücken zu müssen.

WhatsApp erklärte, dass es rechentechnisch nicht machbar sei, diese Daten „pro Nutzer“ abzufragen, um Auskunftsersuchen zu erfüllen, und dass WhatsApp diese Daten dementsprechend in dem Output des RYI-Tools in der Antwort auf Ihr Ersuchen auslässt.

Aus einem Schreiben der irischen Datenschutzbehörde, Dez. 2020


Die irische Behörde hat mich um eine Stellungnahme gebeten, ob ich mit Whatsapps Auskunft zufrieden bin. Das bin ich natürlich nicht.
So antwortete ich meinem Ansprechpartner beim Bundesdatenschutzbeauftragten:

Sie können sich vorstellen, dass ich mit der Rückmeldung von Whatsapp nicht zufrieden bin. Die Daten, die Whatsapp im Facebook-Netzwerk und möglicherweise mit externen Firmen teilt – mutmaßlich solchen Unternehmen, die dem Geschäftszweck nach personenbezogene Daten verarbeiten, um daraus z. B. personifizierte Werbung generieren – sind im vollsten Sinne des Wortes personenbezogene Daten und vor allem als solche wertvoll. Es leuchtet mir nicht ein, warum diese Daten Partnern übermittelt werden können, den Nutzer*innen gegenüber aber ein unverhältnismäßiger Aufwand ins Feld geführt wird. Ich bestehe weiterhin auf Auskunft über alle auf mein Nutzerkonto zurückführbaren Inhalts- sowie Metadaten sowie deren Verwendung gemäß meinen Rechten aus der DS-GVO.

Meine Antwort an die/den DPC zur Argumentation Whatsapps, Januar 2021


Die/der DPC versprocht, dass sie meinen Fall weiterhin prüfen wird. Zudem habe ich den Bundesdatenschutzbeauftragten um eine erneute Stellungnahme gebeten. Ich habe das Gefühl, Whatsapp will sich aus seiner Verantwortung stehlen und verheimlichen, welch große Menge Inhalts- und Verbindungsdaten auch jetzt schon gesammelt und zu Geld gemacht werden. Das wäre nicht im Sinne der Datenschutz-Grundverordnung, nicht im Sinne des Schutzes der informationellen Selbstbestimmtheit der Nutzer:innen und in meinen Augen ein ziemlicher Skandal.
Die Geschichte ist hier sicher noch nicht zu Ende.

Update 18.1.: Clubhouse – ein Hype mit Datenhunger

Ich bin begeistert von Clubhouse. Die Social-Media-App, die gerade einen ziemlichen Hype erlebt, bietet ungezwungene, aber oft hochkarätig besetzte moderierte Gespräche und Diskussionen zu vorher definierten Themen, an denen man sich beteiligen kann oder einfach nur zuhören kann. Wohin die Community thematisch gehen wird – und wie sie mit den früher oder später auftauchenden Populist:innen, Schwurbler:innen und Trolls umgeht – lässt sich wenige Tage nach dem Europastart noch nicht sagen. Aber mir als Bildungsmenschen, der selbst gern Veranstaltungen durchführt und moderiert, die Themen auf den Grund gehen, daneben als Radiomenschen und Digitalmenschen macht die App gerade ziemlichen Spaß.

Obwohl der Spaß mit Datensammlung erkauft wird (zu Schutzmaßnahmen siehe unten). Ein Blick auf die „Privacy Policy“ der Herstellerfirma Alpha Exploration Co. lässt jeden datenschutzsensiblen Menschen erschaudern. Einige Ausschnitte, übersetzt mit dem Übersetzer deepl.com:

Wir können Identifizierungsdaten und Internetaktivitätsdaten an Social-Media-Plattformen und andere Werbepartner weitergeben, die diese Informationen nutzen, um Ihnen gezielte Werbung auf Social-Media-Plattformen und anderen Websites Dritter zu präsentieren – unter bestimmten Vorschriften kann eine solche Weitergabe als „Verkauf“ personenbezogener Daten angesehen werden

Privacy Policy Alpha Exploration Co. (Clubhouse), 2.11.2020 (übersetzt)

Darüber hinaus können wir von Zeit zu Zeit das allgemeine Verhalten und die Eigenschaften der Nutzer unseres Dienstes analysieren und zusammengefasste Informationen wie allgemeine Nutzerstatistiken mit potenziellen Geschäftspartnern teilen. Wir können zusammengefasste Informationen durch den Dienst, durch Cookies und durch andere in dieser Datenschutzrichtlinie beschriebene Mittel sammeln.

Privacy Policy Alpha Exploration Co. (Clubhouse), 2.11.2020 (übersetzt)

Nutzungsdaten: Wir sammeln Informationen darüber, wie Sie unseren Dienst nutzen, wie z. B. die Arten von Inhalten, die Sie sich ansehen oder mit denen Sie sich beschäftigen, die Funktionen, die Sie nutzen, die Aktionen, die Sie durchführen, und die Zeit, Häufigkeit und Dauer Ihrer Aktivitäten.

Privacy Policy Alpha Exploration Co. (Clubhouse), 2.11.2020 (übersetzt)


Und, der Klassiker: Änderungen an den Datenschutzbestimmungen stimmen die Nutzer:innen innen automatisch durch Weiternutzung der App zu. Intransparenter geht nicht…

Die für mich größte Frage ist hierbei: Verdient das Unternehmen mit der Datensammlung Geld – und wenn nein: womit dann? Die Nutzung der App ist kostenfrei, über die Preisgestaltung jenseits der Betaphase ist noch nichts bekannt. Das Wissen um das hinter einer App stehenden Geschäftsmodells halte ich aber elementar für die mündige Nutzung derselben. Hier sind also wichtige Fragen offen.

Anfrage gemäß DSGVO

Immerhin beschreibt das Privacy-Dokument das Recht für Bürger:innen aus Kalifornien, genaue Infos über die über sie gesammelten Daten und mögliche Datentransfers zu erhalten. Da das Clubhouse auf dem europäischen Markt angeboten wird und damit der EU-DSGVO unterliegt, haben hiesige Nutzer*innen ähnliche Rechte. Ich habe Clubhouse also um diese Infos für meinen Account gebeten.

Schutzmaßnahmen

Bis ich hier Antwort habe (und auch darüber hinaus, wenn meine hohen Erwartungen an die App erfüllt werden und ich ihr treu bleibe), nutze ich die Clubhouse nur unter verschärften Schutzmaßnahmen:

  1. einem VPN-Dienst, der meinen Standort verschleiert und Anfragen von App-Trackern abwehrt. Hier vertraue ich seit Jahren auf Freedome des finnischen Herstellers F-Secure.
  2. der unter iOS 14 angebotenen Verschleierung der MAC-Adresse (eindeutige Identifikation meines Netzwerkgerätes, sprich: Iphones)
  3. Zudem habe ich in der App folgende Anfragen abgelehnt, ohne spürbare Einbußen in Nutzungsumfang und Komfort zu bemerken: die Verknüpfung zum Smartphne-Adressbuch und -Kalender sowie zu Social Media-Apps
  4. Zuguterletzt nutze ich ein Profilfoto, das im Internet ohnehin öffentlich ist.

Erstes Fazit

Die Idee der App ist genial und ich könnte mir vorstellen, lange und viel Spaß mit ihr und den Leuten, die ich dort treffe, zu haben. Allerdings müssen die Datenschutzanstrengungen der Herstellerfirma dringend erhöht werden: Es muss ein deutschsprachiges Privacy-Dokument her (auch eine DSGVO-Vorgabe), das deutlicher als bisher sagt, mit wem welche Daten geteilt werden. Ich hoffe, die Mail mit den Antworten auf diese Fragen kommt bald – Selbstverständlich berichte ich auf diesem Blog davon.

Update 21:45: Was echtes Interesse wert ist

Der Wert der möglicherweise in Clubhouse gesammelten und zu Geld gemachten Daten ist nicht zu unterschätzen. Anders als bei Facebook, Insta oder Tik Tok, wo die geliketen Seiten und Produkte auch eine Art Selbstinszinierung sind bzw. sein können – d.h. nicht den wirklichen Vorlieben der Nutzer:innen entsprechen müssen, ist echtes Interesse an einem Thema für Werbetätige der Jackpot. Wenn Nutzer:innen immer wieder Clubhouse-Räume zu bestimmten Themen betreten und sich dort sogar zu Wort melden, sind sie für Werbung aus diesem Umfeld mit hoher Wahrscheinlichkeit empfänglich.
Ich hoffe sehr, dass die App-Hersteller ein anderes Geschäftsmodell verfolgen als den Datenverkauf.

Update 18. Januar

Offenbar tut sich etwas in Sachen Datenschutz: In einem Townhall-Meeting auf Clubhouse, in dem sich die Entwickler:innen regelmäßig miteinander und mit den Nutzer:innen austauschen (Bravo!), wurden gestern künftige Verbesserungen im Datenschutz angekündigt. Hier vielen Dank an Kevin Kyburz, der heute in dem Clubhouse-Talk „Clubhouse und Datenschutz“ davon berichtet hat.

  • Der Adressbuchabgleich soll (Planung) entschärft werden, in dem Nutzer:innen künftig über lokale IDs identifiziert werden.
  • Als Bezahlmodell soll ein Premiummodell dienen, bei dem einige Dienste kostenpflichtig sein werden. Im Gespräch ist ein „Onlyfans-Modell“, in dem ein:e Nutzer:in kostenpflichtig Räume bucht und dort bspw. mit ihren:seinen Fans oder exklusiven Talkgästen spricht oder Musiker:innen Konzerte veranstalten. Möglicherweise gibt es dazu dann Eintrittspreise.
    Auch andere Premium-Features sind im Gespräch. Offenbar sind das alles erst Überlegungen, die den Datenhandel aber perspektivisch unnötig machen könnten. In einem anderen Talk wandte jemand dazu ein, dass die Investoren bislang deutlich in Datensammler wie Airbnb und Facebook investiert hätten. Wie dem auch sei :In Sachen Monetarisierung scheint eine Klärung in Sicht, und das ist gut.
  • Der Datenschutz hatte offenbar bislang nicht die größte Priorität – noch immer ist die App ja in der Betaphase (was natürlich keine Entschuldigung ist). Die Problematik scheint nun aber mehr in den Fokus zu zurücken, weil auch mehr deutsche (datenschutzsensible) Nutzer:innen ihre Sorgen artikulieren. Hoffen wir’s!